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Renée Zucker

Journalistin, Autorin, Kolumnistin
 

 

           Renée Zucker

         

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ZIMT

Haare

VON RENÉE ZUCKER

Frankfurter Rundschau,

12.06.2009

"Er sollte sich in der Pause die Mädchenfrisur abschneiden, vielleicht spielt er dann wie ein Kerl", sagte der ARD-Sportreporter über irgendeinen beim Spiel Tschechien gegen Lettland. Ein Fußballer mit jenem harmlosen Schwänzchen, welches Beckham auch mal berühmt gemacht hatte, und einen Moment lang stutzte ich ob dieses Satzes. Nicht nur, weil er mich in die Sechziger Jahre katapultierte, als lange Haare ebenfalls so verächtlich mit Mädchen identifiziert, also als Indiz für Verweichlichung herhielten, sondern auch, weil mir der Reporter ja aus meiner Jugend bekannt war. Er war naturgemäß auch jung, so jung wie die Fußballspieler heute, und wir Mädchen mochten ihn, weil er so hübsche lange Löckchen hatte. Ja, eigentlich erinnere ich mich hauptsächlich an seine hübschen Löckchen - an sein Gesicht nur, daß es kindlich war, aber nicht an irgendetwas, das er gesagt haben könnte. Ab jetzt werde ich mich immer an einen Satz von ihm erinnern. Und musste den ganzen Abend darüber nachdenken, warum ausgerechnet er mit diesen süßen Locken diesen dummen Satz gesagt hat. Hatte vielleicht damals sein Vater etwas ähnliches zu ihm gesagt? Hat er heute vielleicht gar keine Haare mehr? Leiden Männer auch unter Neid? Und was ist das bloß mit den Haaren, dass sie damit Männlichkeit verbinden? Es wurde doch schon auf Fußballplätzen mädchenmäßig gespuckt, als Fußballer gar nicht wußten, was Haargummis sind. Okeh, der gute, alte Simson. So stark, daß er Löwen in der Luft zerreissen konnte und die Stadttore von Gaza aus den Angeln hob und bis nach Hebron trug. Das macht ihm heute kein Israeli nach. Diesem Poppey hatte die böse Delila die schönen Locken scheren lassen und damit war alle Kraft geschwunden. Was aber kaum einer weiß, ist, wie entsetzlich dumm dieser Kerl war, besonders in Frauenangelegenheiten. Ständig hatte er es mit welchen, die ihn betrogen und verrieten. Das kann ja mal passieren, aber Simson war von der Sorte, die den Schuß nicht mal hören, wenn er aus der eigenen Knarre kommt. Dreimal verriet ihn Delila und munter schwatzt er weiter, das mußte doch bestraft werden.

Haare sind zweifellos etwas Markantes. Wir könnten nichts von Müntefering oder Netzer zitieren (ich jedenfalls nicht) aber ihre Frisuren mit geschlossenen Augen malen. Und wenn ich in dieser EM etwas wie Freude empfand, dann war es beim Anblick des wunderschönen Michael Ballack mit diesem einzigartig hübschen Haarschnitt. So locker und feminin, wie ihn die kleinen italienischen Jungen seit Jahren an den Adriastränden zur Freude ihrer Muttis tragen.


ZIMT

Liebhaber


Frankfurter Rundschau,

06.09.2008

 

VON RENÈE ZUCKER


Esra wird also keinen Einzug in die deutsche Romangeschichte halten. Nur für uns wenige, die wir das Buch kennen und mögen, wird es eine Erinnerung daran geben. Nur wir, bei denen es jetzt im Regal steht, können hin und wieder die nicht geschwärzten Stellen nachlesen. Nur wir, denen es egal ist, um wen es sich in Wahrheit bei den Figuren handeln könnte. Weil den echten Leseverrückten, den leidenschaftlichen Liebhabern der Literatur die Wahrheit nicht die Bohne interessiert. Zumindest nicht die Wahrheit über Identitäten. Weiß doch keiner besser als wir, dass es derer ganz schön viele gibt.

Insofern ist das Verbot von Esra abscheulich, verwerflich, bedenklich, gefährlich. Es erinnert in seiner Absurdität, in diesem bigotten Schutz des Privaten (und das ausgerechnet in diesen Zeiten, da der Mensch so globalisiert transparent wie nie zuvor lebt) an jene amerikanischen Urteile, nach denen irgendeine Fastfoodkette Millionen von Dollar an die Autofahrerin mit dem heißen Kaffee im Schoß zahlen musste. Wir, die wir die Literatur lieben, wissen, dass mit solchen Esra-Verbots-Urteilen die schönsten Werke der Weltliteratur eingestampft gehören. Insofern ist das Verbot abscheulich, verwerflich, bedenklich, gefährlich.

Aber wir sind nicht nur Liebhaber der Literatur, wir sind ja auch Liebhaber im richtigen Leben.Von richtigen Menschen. Und dann stellen wir uns vor, wir liebten einen Mann, von dem wir fürchten müssten, dass er über uns schreiben würde. Und nicht nur einfach über uns, sondern über das, was so schrecklich verletzlich an uns ist: unsere Sexualität. Als die Liebe noch in einigermaßen geordneten Bahnen verlief, baten wir den Mann, nicht über uns zu schreiben - und natürlich erst recht nicht über unsere Sexualität. Er hat es nicht versprochen. Das haben wir vermutlich überhört. So etwas passiert in der Liebe.

Danach kam Rosenkrieg, der Liebesgeschichte zweiter Teil - jetzt sind alle Kanäle offen, alle Waffen sind erlaubt. Da hat der Mann die gnadenloseste Vernichtungsmaschinerie angeworfen - wohl wissend, welche Grenzen er überschritt - aber was kann ein armer Dichterjunge anderes tun, als all seinen Schmerz in einen Roman zu packen?

Nun, wenn es so ist, - wenn wir beiden so weit sind: Was konnte die arme Geliebte anderes tun, als dem Verräter an die berufliche Existenz zu gehen? Die für den Mann mindestens so beschützenswert ist wie die Sexualität für die Frau. So steht es also 1 : 1 im Duell der Liebenden im Post-Marshall McLuhan-Zeitalter. Was wird der dritte Akt bringen?

 

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