Elektrikersex

 
Elzie hat gesagt, ich müsse unbedingt klarstellen, daß wir selbstverständlich weder für das Tieretotfahren noch für den Leinenzwang sind, was dann ja gottseidank bedeutet, daß wir doch nicht SPD wählen müssen. Aber sammeln für Landowsky kommt natürlich auch nicht in Frage. Noch einmal davon gekommen, da sind aber alle erleichtert, was?
Venus hingegen bewegt sich offenbar immer noch rückläufig. Die Wärme tut ihr übriges. Neulich, als die Sonne richtig herunterschien, saß Elzie genüßlich auf der Straße in einem Sessel und hielt ihr Gesicht zum Vitamin D auftanken gen Himmel, als zwei schmucke Handwerksburschen auf sie zutraten und sagten:"Wir sind die Elektriker". "Klasse", antwortete Elzie, "und was kann ich für euch tun?" "Wir würden uns gerne mal ihren Hauptverteilerkasten ansehen", sagte der eine, der etwas besser aussah als der andere. Elzie schaute ihn aufmerksam und lange an. "Auja, das hört sich sehr schön an", sagte sie dann, wobei sie sich unwillkürlich die Lippen leckte, und für das Wimpernzucken einer Ewigkeit befand sie sich mit dem Elektriker in einem Raum, zu dem kein anderer Zutritt hatte. "Es war der träumerischste Sex, den ich je hatte", sagt sie, während sie sich eine Buttermilch aus dem Kühlschrank nimmt. Ich halte von sowas nichts. Jeder weiß schließlich, daß ungelebte Lieben auf Dauer unglücklich machen. "Weil es ein Elektriker war?" fragt Elzie empört. "Ist dir denn noch nicht aufgefallen, daß es eine völlig neue Handwerkergeneration gibt, die ungemein freundlich, charmant, zuvorkommend, und hilfsbereit ist, daß man fast für Leinenzwang an Handwerkern sein könnte, damit sie nie wieder weggehen können?"         –»
Elzie ist immer noch ganz beseelt. Ob von der neuen Handwerkergenerationsqualität oder ihrem virtuellen Sex bleibt unklar. "Weil es nicht wirklich geschehen ist", entgegne ich, "ich bin für ganz oder gar - ". "Aber es war wahnsinnig aufregend" fällt mir meine Freundin ins Wort, " es war ungleich aufregender als ein vollzogener One-night-stand. Warum gibt es dafür eigentlich kein schönes, deutsches Wort?" "Weil ein One-night-stand in Deutschland nicht als schön angesehen wird – genau so wenig wie der Quickie übrigens", fällt es mir jetzt erst auf., "sonst hätten wir wenigstens dafür ein Wort". "Vielleicht müssen wir auch nur nicht gleich alles benennen", vermutet Elzbietta."Wir sind eben nicht so oberflächlich wie die Amerikaner, die immer Worte für ihre Terminkalender haben müssen: Mon, 12.30 - 12.45, quickie w/Jane – Nein, wir sind anders. Wir sind geheimnisvoll, tiefgründig und schwermütig. Wir lieben Worte wie Stolz und Vaterlandsliebe und nicht so`n albernes Zeug wie Loveparade oder Gaypride" "Schwulenstolz hört sich, ehrlich gesagt weniger nach einem neuen Lebensgefühl als viel mehr nach ner extrem aufdringlichen Dildomarke an", wende ich ein, "und bei Liebesparade denkt man sofort an den schlauen Det und seine Mainzelmännchenbrüder". "Denk du mal dran, daß wir uns gleich den Produktnamen 'Schwulenstolz' sichern, für was auch immer", sagt Elzie.
Klonen und Kleiden

Warum sich eigentlich vorm Klonen fürchten? Manchmal sieht man Menschen, bei denen kommt einem ganz spontan die Idee, daß der Replikant längst Realität geworden ist. Ja, wahrscheinlich werden sie mittlerweile schon generationenweise in Massen für den jeweiligen Winter- und Sommerschlußverkauf hergestellt. Die wenigste Mühe gibt sich die inländische Klon-Produktion übrigens mit den Alten. Besonders die Männer werden offenbar im lieblosen Ruckzuckverfahren gefertigt: Ab dem 65sten Lebensjahr steckt man sie im Sommer in braune Sandalen mit grauen Socken, beige Anoraks und karierte, kurzärmlige Hemden; für den Winter gibt’s zusätzlich ein graues Schuhpaar und die dazu passende graue Jacke, und dann müssen sie nur noch ordentlich freudlos und maulig sein.
Gleichaltrige Frauen kriegen zu Hammerzeh und Überbein den bequemen Sportschuh verpaßt und dürfen darüber je nach Temperament unauffällige oder großblumige Kleidung unter der Dauerwelle tragen. Nun könnte man annehmen, daß man bei der Jugendkollektion ambitionierter vorgeht – aber denkste – Mädchen und Jungen unterscheiden sich nur noch durch Glatze oder Primaballerinafrisur- Ansonsten sehen sie im Sommer wie Übriggebliebene der LoveParade aus: enge T-Shirts in Quietschfarben, die Taschen mit den Handyfächern in den breiten Gurten quer über der Brust und Hosen bis unter die Knie.Früher haben die Muttis ihre Kinder so liebe- und mühevoll für den Kindergarten hergerichtet – heute fertigt man die Jugend gleich passend zum buntem Picknickgeschirr aus Plastik an. Warum macht ihr Anblick so agressiv?            –»

Damals, als wir feinrippige Cordhosen, hochgeschnürte Boots und einen bestickten Lammfellmantel trugen, und man an den Haaren unser Geschlecht nicht erkennen konnten, waren wir gegen die Diktatur der Mode. Deshalb teilten wir die Kritik des Westens an Maos Kulturrevolution zumindest insofern, als wir zwar wollten, daß alle gleich sind, aber nicht, daß alle gleich aussehen.So fanden wir es nahezu lächerlich, daß man für Uniformität auch noch Geld ausgeben sollte. Wir kauften auf dem Flohmarkt, vorausgesetzt, es konnten mindestens drei Vorbesitzer nachgewiesen werden. Und dann gab es ja noch die, die nähen konnten. Aber, - phänomenal: wer nähen konnte, hatte meistens einen wahnsinnig spießigen Geschmack und wollte ständig überall Schulterpolster und Abnäher machen. Und dann kamen auch schon die ersten, etwas mißgestalteten Klons auf – sie hießen Popper, hatten den Haarscheitel auf der gleichen Seite, erfanden das Cocktailtrinken neu und zeichneten sich durch bewußtes Desinteresse an Tiefgang aus. So korrespondierte ihre innere Mode mit der Äußeren. Heute, dreißig Jahre später ist die Serie absolut perfektioniert. Und wenn was nicht passt, stehen schon Pharmazie und Schönheitschirurgie zum Korrigieren bereit.
Wenn der Schaum vorm Mund überhand nimmt, mahnt Guru Henryk zur Toleranz: "Jeder von denen hat eine Mama, die ihn lieb hat". Auf meinen vorwitzigen Einwand, daß das ja für Klone nicht gelten könne, fügt er das alte Sprichwort hinzu:"Kein Kleid steht einer Frau besser denn Schweigen".

Herreklo

Hier und dort, gern auch zur Sommerzeit, ist immer wieder mal zu lesen, daß Männer ihre Unterhosen heute häufiger als früher wechseln und auch schon mal zum Eau de Toilette nach dem After Shave greifen. Das mag sein, trotzdem scheint sich nicht wirklich etwas im Kulturbeutelbewußtsein des Neandertalergeschlechts verändert zu haben. Bei einer Großveranstaltung in der Urania waren am Wochenende die Damen-Toiletten ausgefallen, weshalb in der Pause die Damen nun vor dem Herrenklo anstanden. Fünf Urinale, fünf Kabinen, dazwischen ein schmaler Gang. Der Anblick vor dem Klo veranlaßte erst mal jeden Mann zum sofortigen Rückzug. Dann stellte sich einer brav und gefaßt in die Frauenreihe, bis ihm plötzlich dämmerte, daß er ja gar keine Kabine brauchte! "Das ist mir doch hier wirklich zu dumm", sprach er sich laut Mut zu, stratzte an den schaden- bis erwartungsfroh kichernden Frauen vorbei und stellte sich tapfer an das Urinal, das am weitesten von den Frauen entfernt war. Die Schlange hatte sich inzwischen in ein klatschendes, lachendes, Bravorufendes Inferno verwandelt und Hanns Henny Jahns "... da werden Weiber zu Hyänen" mußte jedem Lyrikkenner durch den Kopf schießen. Herrenklo macht keinen Herren froh. Aber auch hier wirkte das Gesetz Rupert Sheldrakes: hat erst einmal ein Neugierig-Mutiger den Anfang gewagt, ist die Idee im Universum manifestiert und das morphogenetische Feld auch für die nächsten eröffnet. Mann strömte nach. Plötzlich konnten gar nicht genug Urinale für all die Männer da sein, die sich inzwischen auch im schmalen Gang drängten           –»

und den in die Kabinen stolpernden Frauen ein keckes "Aber nicht gucken!" zuriefen, während andere grinsend und kopfschüttelnd, "unsere letzte Bastion "murmelnd das Herrenklo verließen. Als hätte man trotz gewissen Unwohlseins auf beiden Seiten doch irgendeinen verruchten Gefallen an der Situation gefunden, und so hätte diese Geschichte irgendwie doch noch ein unerwartet versöhnliches Ende finden können, wenn nicht – na? Was hat wirklich keiner von diesen Herren getan, die sich für ein Wochenende zur Betrachtung der Seelenbewegung bei Bert Hellinger in der Urania eingefunden hatten? Keiner ging nach dem Klo ans Waschbecken! Selbst ein empörter Aufschrei: "Ja, wäscht sich denn hier kein Kerl die Hände?" fruchtete nichts. Das war eindeutig die späte Rache an Mama! Nun hatten sie`s uns gezeigt. Bätsch, ich wasche meine Hände nie nach dem Pinkeln. Erschütterte Stille in der Frauenschlange. Jede überlegte, wem sie alles in den letzten Stunden zur Begrüßung die Hand gereicht hatte. Und wem gestern, vorgestern, das ganze Leben lang. Die Welt bekam ein neues, schmutziges Gesicht. Und endlich hatten wir einen empirischen Beweis und den Grund für jene Untersuchung in "Nature", nach der jede Hundeschnauze sauberer als eine Türklinke ist. Ab sofort sollten öffentliche Klos serienmäßig mit Sirenen ausgestattet sein, die bei Nichtbenutzung von Wasser und Seife lärmende, stroboskopblitzende Signale aussenden.
   
Glatte Zukunft

"Das dritte Jahrtausend wird haarlos sein", sagte Elzie düster, als wir die Party in Hamburg Eppendorf verließen. Sie hatte sich den ganzen Abend mit einem Schönheitschirurgen unterhalten, und der hatte ihr erzählt, daß sein Hauptklientel nicht etwa die gelangweilten Gattinnen von gutverdienenden Fremdgehern über 50 seien, sondern vor allem Mädchen und Jungen zwischen 17 und 25, die ihr Erspartes von Kommunionen, Konfirmationen,Geburts- und Namenstagen bei ihm ließen. Der Hit unter den Jungen ist derzeit das Weglasern von Brustbehaarung, berichtete Elzie noch völlig fasziniert von ihrem Gespräch."Tatsächlich läuft alles auf die endgültige Vernichtung des menschlichen Haars hinaus. Erst haben sich die Frauen die Beine rasiert, dann mußte es unter den Achseln weg und die sogenannte Bikini-Zone sollte auch babymäßig rein sein." "Daran sind die Makrobioten und die Russen schuld", wußte ich sofort. "Der Makrobiotik-Guru Oshawa hat schon in den Sechzigern gesagt, daß Frauen mit Haaren an den Beinen schlimmer als die Atombombe sind, und dann kamen nach der Maueröffnung die Russen hierher und haben gesagt, nur Prostituierte haben Haare unter den Achseln – echt –", versicherte ich Elzie, die mir einen Vogel zeigt, "ich kann mich noch genau erinnern, was mir 89 mein erster Russe sagte: Eigentlich fand er alles ganz in Ordnung hier, aber das schlimmste am Westen seien die Frauen mit den Haaren unter den Achseln, hat er gesagt". "Jaja," winkte meine Freundin ungeduldig ab, "der Russe ist einfach zu sensibel und zu überzivilisiert, das weiß man doch, das kommt von zu viel Literatur.          –»

Aber in Wirklichkeit sind die Amerikaner mit ihrem Killing-Germs-Tick schuld. Nichts mehr soll an den Menschen als Säugetier erinnern, nirgendwo darf sich eine Bakterie verstecken, deshalb wird sofort alles beschnitten, und nichts kann mehr nach Sex riechen. Schon gar nicht bei Frauen."
"Und jetzt sind die Männer dran", begriff ich, "erst machen sie alle einen auf Wallrabenstein um ihren kreisrunden Haarausfall zu kaschieren, jetzt rasieren sie sich auch noch unter den Armen, und seitdem sich Zlatko öffentlich die Brusthaare mit der Pinzette rausgezogen hat, lassen sie sich auch noch die Brustbehaarung wegmachen ". Ich war nun auch von der drohenden Zukunft mit lauter glattrasierten Mannfrauen überzeugt und vergaß fast, Elzie von meinem Gespräch mit dem Zahnarzt zu erzählen, der mir eine neue Vorderfront plus Weglasern von geplatzten Wangenäderchen im saisonalen Sonderangebot offeriert hatte. Wenn ich allerdings noch ein permanent Make-Up, also etwa eine Lippenkontur oder die komplette Wimpernverdichtung dazu nähme, würde es noch billiger werden, "Von dem, was einem die AOK für Zahnreparaturen ersetzt, kann doch kein Mensch mehr leben," hatte mir der Zahnarzt augenzwinkernd seine Karte in die Hand gedrückt.
Die geschäftstüchtige Elzie witterte in dieser Weg-mit-den-Haaren-Bewegung natürlich gleich unsere Chance, in Zukunft auf der Kirmes als die letzten Exemplare der behaarten und unreparierten Spezies Mensch aufzutreten.

   
Sprosser können nicht schluchzen

Gute Nachrichten von Elzie. Sie schreibt, dass sie in Hamburg sehr glücklich ist. Dort gäbe es einfach mehr zu lieben. Schon jetzt liebt sie nicht mehr nur Bernd Begemann, der sie mit seinem letzten Schmachtfetzen: "Ich kann dich nicht kriegen, Kathrin" überzeugte, sondern nun auch noch Jan Delay. Jan Delay ist ein Hip-Hopper, der mit einem Reggaestück einen Hit landete. "Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt", heißt das Lied, das sogar ständig auf kiss fm gespielt wird und in dem so anachronistische wie einleuchtende Zeilen vorkommen, wie "Ich möchte mich nicht in Köpfen befinden - zusammen mit Gedanken - die unter Einfluss vom Axel Springer Verlag entstanden". Wer, außer Dieter Bohlen, würde das schon wollen. Andere Lieder auf der CD heißen "Söhne Stammheims", oder "Der böse Mann mit dem kleinen Bart ist noch nicht tot". Es ist wunderbar entspannender Ragga Style. Man kann dazu auf Barhockern sitzen und Rum-Cocktails trinken oder liegend verbotene Substanzen zu sich nehmen. Eine richtige Sowohl-als-auch-Musik also.
Dass es so was noch gibt, macht Elzie glücklich und mich ebenso. Solange es allerdings in Berlin derart musikalische und listig-kluge Musikanten nicht gibt, müssen wir hier vorerst weiterhin mit dem gemeinen Sprosser (Luscinia luscinia) vorlieb nehmen, jenem osteuropäischen Verwandten der Nachtigall, der pünktlich mit Anbruch des schönen Maiwetters angefangen hat, seine öffentlichen Gesangsübungen abzuhalten. Der Zuhörer fällt fast immer drauf herein: die tiefen, langsamen Töne der Sehnsucht erklingen - leise hören wir die Callas rufen: "Piangi? Perché? Perché?          –»

Ah, la fede ti manca!" (Du weinst! Warum? Warum? Ach, dir fehlt der Glaube!) und wenn wir gerade so richtig aufgehen wollen in der entsetzlich traurige Geschichte der unschuldigen Butterfly und dem Mistknochen Pinkerton, da merken wir, dass der Sprosser uns wieder genarrt hat. Der arme Teufel aus Osteuropa kommt einfach über den Nachtigallen-Anfang nicht hinaus. Nur immer wieder:"Piangi? Perché? Perché?" - kein Schiff will sich zeigen, keine Hoffnung auf wiederkehrendes Glück, keine Zuversicht beim Warten, keine süßduftende Verbene... der Sprosser kann nämlich nicht schluchzen! Und das ist doch wohl das Mindeste beim Minnegesang, wo das edle Herz auf seine Fähigkeit getestet wird. Ob es wahrhaftig lieben, oder nur begehren kann. Andererseits könnte er uns auch hierbei wieder narren und eine ganz andere Lektion erteilen.
Vielleicht ist der Sprosser ein Typ wie Frank Zappa: er hat das alles drauf, aber er spielt es nur an. Einer, der mal kurz auf den Knopf für Sehnsucht, Schönheit, Freude und Schmerz drückt und dann den Rest dem Lauschenden überlässt. Guru Henryk fällt dazu sofort ein Talmudzitat ein, wo es zur Freude am Schönen heißt:
"Drei sind ein Vorgeschmack der kommenden Welt; das sind: Schabbath, Sonne und Beischlaf. Drei erheitern eines Menschen Sinn; das sind: eine schöne Wohnung, eine schöne Frau und schöne Geräte." Nun wollen wir alle mal über "schöne Geräte" meditieren.Vielleicht kann der Sprosser ja doch schluchzen aber nur die Eingeweihten können es hören.

   
Ehe als Ereignis

Beim Nachdenken darüber, warum der Talmud den Sabbath, die Sonne und den Beischlaf als Vorgeschmack der noch kommenden Welt betrachtet, während er die hiesigen Sinneserheiterungen in einer schönen Wohnung, einer schönen Frau und vor allem in schönen Geräten sieht - beim vergeblichen Rätseln also, kommt man zwangsläufig von Frühling und Werkzeug auf die Liebe und ebenso unweigerlich auf die Ehe. Denn schließlich: wozu eine schöne Wohnung, wenn man keine schöne Frau sein Eigen drin nennen darf, und was kann schließlich Trost bieten, wenn die Frau irgendwann nicht mehr ganz so schön ist? Natürlich Geräte, die, wenn man sie ordentlich pflegt, gemeinhin auch schön bleiben. Die Ehe, sagt der große Mythenforscher Joseph Campbell, sei die Unterwerfung des Individuums unter etwas Höheres. Sie stelle symbolisch wieder her, was von jeher eins war - zwei Erscheinungsformen desselben Wesens. (Zum tieferen Verständnis dessen, wovon Campbell spricht, lohnt es sich durchaus, die Geschichte vom blinden Seher Teiresias nachzulesen; zu gleichem Behufe wird auch immer wieder gern Platons rollendes Kugelgleichnis genommen.) In der Liebschaft, sagt Campbell, hat man zwei Leben, die, solange es angenehm scheint, eine mehr oder weniger gelungene Beziehung zueinander unterhalten. In der Ehe dagegen liegt das Leben des Einzelnen in der Beziehung: "Wenn ich ein Opfer bringen muss, bringe ich es nicht dem anderen, ich bringe es der Beziehung, Groll gegen des anderen ist also fehl am Platze".Die Ehe ist aber nicht nur ein religiöses Sakrament, sie ist auch und vor allem eine gesellige Angelegenheit.          –»

Und überall dort, wo Menschen zusammenkommen, kommt selbstverständlich Freude auf, aber gerade dort läßt auch das Unglück nicht lange auf sich warten. In einem alten, italienischen Film fährt ein frisch getrautes Paar ans Meer. Der Mann ist voller Glück beim Anblick der Wellen. Er tanzt vor Freude. Die Frau kommt aus dem Haus, sieht die Freude des Mannes, wird entsetzlich traurig und sagt." Schon sind wir zu dritt". Dieser Situation könnte man vielleicht noch dadurch entgehen, dass man ins Gebirge fährt, aber die Wahrheit, die hier so lapidar und schön zugleich gezeigt wird, bleibt unabänderlich: kein Genuss ohne Reue, keine Zweisamkeit ohne Kränkung. So wie auch die desjenigen, der ein Thema hat, was den anderen nicht unbedingt so fasziniert. Dieser immer wieder aufgekratzte wunde Punkt angesichts der Leere in den Augen des anderen, wenn man mit dem Lieblingsthema anfängt. Bei Männern ist es meistens die gebetsmühlen-artige Aufzählung der Weltmängel und der doch auf der Hand liegenden Verbesserungsmöglich-keiten, während Frauen Atmossphäre durch nicht-ergebnisorientierte Erzählungen schaffen. Das macht die Frau sehr afrikanisch. Die Kunst in der Ehe muss jetzt einfach darin bestehen, aus der unumstößlichen Tatsache der Unvereinbarkeit ein beidseitig unterhaltsames Ereignis zu gestalten. Guru Henryk gibt zu, dass der Talmud dafür keinen Rat weiß. Er hält es diesmal seufzend mit Morgenstern: "So wie der Strom ins Meer, so muss der Amor in die Caritas".

Tagesspiegel 2001

 

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